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Hans von Berlepsch-Valendas

Bild von Hans von Berlepsch-Valendas 1849-1921

Hans von Berlepsch-Valendas


Hans von Berlepsch-Valendas, 1849 – 1921

Hans von Berlepsch-Valendas wurde am 31. Dezember 1849 in St. Gallen geboren. Seine Eltern - ursprünglich adliger Abstammung - lebten in Erfurt im heutigen Bundesland Thüringen. Der Vater, Alexander von Berlepsch, von Beruf Buchhändler und Verleger, war ein Mann von liberaler politischer Gesinnung, so dass er mit der damals noch reaktionär gesinnten Obrigkeit in Konflikt geriet. Im Jahre 1848, zu einem Zeitpunkt, in dem revolutionäre Unruhen das alte Europa erschütterten, musste die Familie Berlepsch deshalb ihre Heimat fluchtartig verlassen. Wie andere berühmte Zeitgenossen, zum Beispiel der Architekt Gottfried Semper aus Dresden, gelangten die Berlepschs in die zu jener Zeit  eben neu erstandene Eidgenossenschaft, wo sie in St. Gallen einstweilige Aufnahme fanden.
Interessanterweise war offensichtlich schon damals die Frage der Einbürgerung ein die Öffentlichkeit bewegendes Thema, denn nachdem sich die Familie für den Verbleib in der Schweiz entschieden hatte, wurde ihnen mitgeteilt, sich entweder ums Bürgerrecht zu bewerben oder aber das Land wieder zu verlassen, was in jedem Fall mit finanziellen Konsequenzen verbunden war. Da man aber nur über den Erwerb eines Gemeindebürgerrechts Schweizer Staatsangehöriger werden konnte und die Stadt St. Gallen sich dem Antrag der ehemaligen Flüchtlinge ablehnend gegenüberstellte, waren Alternativen gefragt.
Durch Vermittlung von neu gewonnenen Freunden, gelang es schliesslich, in der damals noch selbständigen Bündner Berggemeinde Dutjen einen Ort zu finden, welcher bereit war , der Familie Berlepsch das Bürgerrecht zu verleihen. Der Sohn von Alexander, Hans von Berlepsch-Valendas, schrieb dazu rund 60 Jahre später: „Hoch ob dem Rheintale, ein paar Stunden bergauf von Ilanz, liegt, aus wenig mehr denn einem Dutzend wohlgezimmerter Holzhäuser bestehend, in einer Höhe von 1200 m, rechtsrheinisch, ein früher selbständiges Bergdörfchen, Dutgien. Durch allerlei Vermittlungen wurde dort die Aufnahme ins Bürgerrecht angebahnt, freilich unter eigenartigen Umständen. Die Bezahlung eines ‚Vertröstungsgeldes’ von 50 Gulden auferlegte dem mit Glücksgütern eben nicht gerade gesegneten Kandidaten (das Vermögen war von der Revolution 1848 verschlungen worden) ebenso wie die nachherige Bezahlung von 250 Gulden für die Einbürgerung, spürbare Opfer.  Ein Gemeindetrunk war ausserdem ‚eingemarktet’ worden.
Der Kandidat erschien mit seiner Gattin an einem schwülen Augustnachmittage des Jahres 1851, mit samt dem Manne, der die Sache eingefädelt hatte, Landamman Gartmann. Ein Träger hatte nebst dem ausbedungenen Fässchen Wein auch etliche andere Zutaten zu einem festlichen Abend auf dem beschwerlichen Bergwege vom Lugnez heraufgeschleppt, so unter anderem auch Kerzen. Das Zusammentreffen zwischen dem lebhaften, der Rede in hohem Masse mächtigen Flüchtlinge und den schweigsamen, wortkargern Graubündner Bergbauern, die den Schilderungen des Kandidaten lautlos, ohne Zeichen von Zustimmung oder von Missfallen folgten, immer die gleiche ernsthafte Mine zeigten, mag eigenartig genug gewesen sein. 
Während der darauf beim Schein einer Kerze gepflogenen Beratung, musste der Kandidat mit seiner Frau bei klatschendem Regen vor der Haustüre im Dunkeln stehen. Endlich: „Hereinkommen! Keine langen Phrasen. Wir begrüssen euch als unsere neuen Mitbürger. Der Adel ist laut Grossratsbeschluss abgeschafft. Seid willkommen!“ Dann der verpflichtende  Handschlag - die Sache war abgemacht! Das Glücksgefühl, das Bewusstsein, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, brachte meine ohnehin etwas erschöpfte Mutter einer Ohnmacht nahe, von der sie sich indes rasch erholte. Die beiden erhielten ein sauberes Schlafgemach mit reinlich bezogenen Betten. War die Gastfreundschaft auch etwas schwerfällig, so war sie doch ächt und deshalb wohltuend. Am Sonntag darauf wurde der Gemeindetrunk vertilgt.
Aus späteren Erzählungen von Dutgier Einwohnern, allen voran des alten Martin Oswald,“ fuhr Berlepsch in seiner Schilderung der damaligen Ereignisse fort, „ging hervor, dass es dort oben nie mehr so interessant war, als an jenem Tag.“
Hans Eduard von Berlepsch, der Verfasser obiger Zeilen, lebte allerdings nie in Dutjen/Valendas, Er nahm jedoch 1902 im Gedenken an seine Bündner Heimatgemeinde den Beinamen ‚Valendas’ an, um Verwechslungen mit einem Namensvetter und damaligen Politiker zu vermeiden. 
Wer war denn eigentlich Hans von Berlepsch-Valendas, der Sohn des Alexander von Berlepsch, der sich 1851 hatte in Dutjen  einbürgern lassen?  Die Familie übersiedelte 1862 von St. Gallen nach Zürich, wo Hans später am Eidgenössischen Polytechnikum, der heutigen ETH, Architektur studierte und zwar beim bereits erwähnten Gottfried Semper, welcher unter anderem sein eigenes Hochschulgebäude und als wohl berühmtestes Bauwerk die Oper in Dresden geschaffen hatte.
Hans von Berlepsch wandte sich nach seinem Studium einer vorwiegend innenarchitektonischen und künstlerischen Betätigung zu. Dabei wurde er der Vorreiter des sogenannten Jugendstils, zumindest in der Deutschweiz. Diesen konnte er in der Villa Tobler in Zürich, einem seiner Hauptwerke, 1898 -1900 an lässlich eines Umbaues bei der Gestaltung der Innenräume uneingeschränkt zum Ausdruck bringen.  Besitzer dieses Gebäudes und damit Auftraggeber war der damals als reichster Zürcher geltende Gustav Adolf Tobler, Professor für Schwachstrom-technik an der ETH. 
Die Villa Tobler steht seit 1981 unter kantonal Zürcherischem Denkmalschutz und sie ist - nach langem - aufwändig und mit Sorgfalt renoviert worden. Ein ähnliches Werk verwirklichte Hans von Berlepsch später auch in München, wo er im übrigen 1875 Wohnsitz nahm.
Weitere innenarchitektonische Arbeiten umfassten die Ausgestaltung öffentlicher und privater Räume,  Gebäulichkeiten ja sogar öffentlicher Transportmittel wie Schiffen. Neben diesen innenarchitektonischen Hauptarbeiten beschäftigte sich Berlepsch auch als Zeichner, Gestalter und Publizist, getragen vom Gedanken, dass die Kunst nicht einfach um ihrer Selbst willen bestehe, sondern zu erneuern sei, um dadurch zur Grundlage einer neuen, alle Gesellschaftsschichten durchdringenden Lebensreform zu werden und zur Verbesserung der Lebensbedingungen beizutragen.
Hans von Berlepsch-Valendas war verheiratet und hatte vier Kinder. Er unternahm zahlreiche Reisen in Europa, über die er ausgedehnt berichtete. Damit setzte er die Tradition seines Vaters Alexander fort, der nach der Flucht und der Niederlassung in der Schweiz zahlreiche Reisebücher sowie geografische und naturkundliche Beschreibungen, vor allem zum Thema ‚Schweizer Alpen’ veröffentlichte. Diese waren zu ihrer Zeit sehr berühmt und dürften mit Sicherheit die Neugier und Reiselust der damaligen „besseren Gesellschaft“ geweckt haben, die bis zum ersten Weltkrieg die zahlreichen Grand Hotels bevölkerte,  Bauten, welche bei uns Heutigen oft einen etwas zwiespältigen Eindruck hinterlassen. 
Nach einem erfüllten künstlerischen Leben starb Hans von Berlepsch-Valendas am 17. Sept. 1921 in seinem von ihm ebenfalls im Jugendstil erbauten Haus in München-Planegg.
Seine 1845 geborene, also um vier Jahre ältere Schwester, Goswina von Berlepsch, verbrachte nach Übersiedlung der Familie von St. Gallen nach Zürich ihre Jugendjahre in der Limmatstadt. Sie machte sich später einen Namen als Schriftstellerin. Zahlreiche Novellen, Romane und Erzählungen entstammen ihrer Feder. Sie sind heute aber mehr oder weniger in Vergessenheit geraten.
1883 übersiedelte die ledig gebliebene Goswina von Berlepsch nach Wien zu ihrer verheirateten Schweste Lilly, kehrte dazwischen aber immer wieder nach Zürich zurück, dessen damaliger grosser Rat ihr 1905 in Anerkennung ihrer „so früchteschweren schriftstellerischen Betätigung“ das Bürgerrecht verlieh.
Im April 1916 verstarb Goswina in Wien. In ihrem Testament vermachte sie unter anderem der Gemeinde Dutjen/Valendas 20`000 Kronen zu Gunsten der Armen. 
Falls Sie, liebe Leserin, lieber Leser neugierig geworden sind,  so möchte ich Sie auf das Buch von Christina Melk-Haen verweisen, das 1993 unter dem Titel „Berlepsch-Valendas, Wegbereiter des Jugendstils in München und Zürich“ veröffentlicht wurde.

Mai 2004                                                      Myrtha Rüegger, Brün/Zürich

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